Plastiken, Bilder und Objekte
Erich Knoll & Monika Krug

Idee zu den Jahresarbeiten

 

Hanno Rauterberg hat in der Zeit vom 06.06.2002, zur Eröffnung der Documenta 11 in Kassel einen Artikel geschrieben, dem er den Titel gab: "Was soll uns diese Kunst? "Nie war sie so erfolgreich wie heute. Nie war ihr Ansehen schlechter. Notizen zur schweren Schieflage der Kunst". Rauterberg schreibt:
"Es ist nicht allzu lange her, daß man den bildenden Künsten noch zutraute, eine Befreiung des Menschen zu sich selbst auszulösen. Heute taugen sie nicht mal mehr zum intellektuellen Streit ... der Kunst fehlt die Kraft, Einfluß und gesellschaftliche Relevanz ... In Zeiten, in denen alle Tabus zerbrochen sind, in denen viele Menschen ohnehin verunsichert durchs Leben gehen, wirken Schock und Verstörung nur wie Verdoppelungen einer unerfreulichen Gegenwart".
Heute wie damals, hat diese Feststellung nichts an Aktualität eingebüßt. Heute wie damals stellt sich die Frage, wohin geht die Kunst? Rauterberg bleibt jedoch nicht nur bei seiner kritischen Analyse stehen, sondern öffnet den Denk Raum, in dem möglicherweise Lösungswege zu suchen sind:
"Kunst ist nur, was uns als Kunst vorkommt. Sie kommt uns als Kunst vor, wenn sie uns etwas bedeutet. Und sie bedeutet uns etwas, wenn sie uns berührt, uns packt, oder ansticht. Wenn sie selbst in ihrem Schweigen etwas sagt. Bei aller Nähe muß sie unnahbar bleiben. Sie muß unsere Neugier wecken, ohne sie zu stillen. Erst in diesem unlösbaren Wechselspiel wird sie unsere moralische, soziale und religiöse Fantasie beflügeln. Künstler vermögen es, uns sehen zu lassen, daß es Unsichtbares im Sichtbaren gibt ... Sie können unsere Lust am Denken wecken, können in uns die Vorstellung reifen lassen, daß die Welt einst anders war und daß sie anders werden könnte. Welche Form und welches Material die Kunst dafür wählt, ob sie in Schönheit glänzt, oder mit Häßlichkeit alle Harmoniebedürfnisse durchkreuzt, ob sie Genuß bietet, oder Zumutung verordnet, ist gleichgültig. Es zählt nicht, was wir sehen; es zählt, was sich in uns abbildet".
Dieser Gedanke war einmal jedem, der künstlerisch ernsthaft suchte in die Seele geschrieben. Bevor sich an den Kunstakademien bereits im ersten Semester das Studienziel durchsetzte, schnell reich und berühmt zu werden, lebte im Kunststreben der Drang, im eigenen Schaffen das Unaussprechliche erscheinen zu lassen. Franz Werfel hat das, was es zu entdecken gilt in Bezug auf das Material Stein treffend und schön formuliert:
"Der Stein schweigt nicht, weil er leer ist, sondern, weil das Wort das er verschweigt, so unaussprechlich gewaltig ist".
Ob als Kunst Schaffender, oder Kunst Genießender, die von Rauterberg beschriebene Kunstwirkung ist das Erlebnis, das gestern wie heute in der Kunst erfahren werden will. Kunstausstellungen vermelden immer wieder Besucherrekorde. Die Menschen drängen zur Kunst, weil die entzauberte äußere Welt den Hinweis auf eine andere Welt immer mehr entbehrt, aber die Sehnsucht nach einer solchen anderen Welt zuzunehmen scheint. Weil in der westlichen Welt die Religionen ebenfalls nicht mehr ein Erlebnis dieser anderen Welt glaubhaft vermitteln können, scheint nur die Kunst zu bleiben, die diese Sehnsucht nach dem subjektiven Erlebnis einer anderen Welt befriedigen kann.
2001 habe ich mich entschlossen, meine materielle Existenz nicht von der Vermarktung meiner Arbeiten abhängig zu machen. Das Künstlerische sollte losgelöst von materiellen Zwängen sich entwickeln können, ohne daß die Kunst zum Hobby "verkommt".
inhaltlich hat sich seit 2001 das Thema Dokumentation in das Zentrum meiner künstlerischen Arbeit gestellt. Dokumentation ist allgegenwärtig, sie bestimmt unser Leben, prägt unser Denken und Handeln. Fluten von Daten werden in Form von Fotos, Filmen, Dateien auf PCs und Speichermedien gesammelt, ausgewertet, archiviert, abgelegt, gebraucht, mißbraucht, ignoriert, vergessen. Der Drang, alles und jedes zu bewahren nimmt im Bereich der PC-Sicherung groteske Züge an. So werden Festplatten aus Angst vor Datenverlust mehrmals mit verschiedenen Systemen gespeichert und gesichert.
Wie steht die Kunst in dieser Entwicklung? Auch Sie unterliegt diesem System des Konservierens. Unendlich viele künstlerische Arbeiten und individuelle Internetseiten sind im Netz zu finden, daß einem schon wieder die Lust vergeht, sich das alles anzusehen. Kunst wird so, eigentümlich beliebig, bedeutungslos. Eins steht neben dem Anderen, in unüberschaubarer Zahl. Ein Künstler, eine Künstlerin neben dem/der Anderen, alles abstrakt und unpersönlich.
Daß Dokumentation anders, lebendig spannend und höchst inspirierend sein kann, erlebe ich seit 2001. Jedes Jahr wähle ich mir ein Thema für das Jahr. Ich arbeite täglich an diesem Thema und so entsteht jeden Tag eine Form, ein Objekt. Am Jahresende entsteht so  ein geschlossenes Werk aus 365 Einzelarbeiten.
Ich bewege mich täglich in einem dialogischen Prozeß, zwischen Idee und Umsetzung, zwischen Konkretem und Metaebene.
Es wird in den Arbeiten dieser lebendige Dialog dokumentiert und spiegelt sich in ihnen wider.
So sind bisher acht Jahresarbeiten entstanden. Jedes Jahr mit einem anderen Thema, jede Jahresarbeit mit ihrer eigenen Präsentationsform. Trotz unterschiedlicher inhaltlicher Thematik, vermitteln die Arbeiten eine innere, ideelle Verbindung.


Kieselbronn im März 2010